Oberstufenreform stoppen – Allgemeinbildung, politische Bildung und wissenschaftliches Arbeiten sichern

Mit dem Abitur erwerben Schülerinnen und Schüler die Allgemeine Hochschulreife, den höchsten Schulabschluss in Deutschland. Dieses Zeugnis steht nicht nur für Fachwissen, sondern auch für Durchhaltevermögen, Leistungsbereitschaft und die Fähigkeit, komplexe Inhalte zu analysieren und wissenschaftlich zu bearbeiten. Genau diese Fähigkeiten sind Voraussetzung, um später an einer Universität bestehen zu können. Dort müssen Studierende eigenständig arbeiten, sich in kurzer Zeit in neue Themen einarbeiten und anspruchsvolle Prüfungen bestehen.

Die geplante Reform der gymnasialen Oberstufe in Niedersachsen durch die rot-grüne Landesregierung stellt jedoch zentrale Elemente dieses Anspruchs infrage. Das Kultusministerium verspricht mehr Wahlfreiheit und weniger Belastung. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Diese Versprechen werden in der schulischen Realität kaum eingelöst werden können. Wahlfreiheit funktioniert nur, wenn Schulen ausreichend Lehrkräfte und Stunden zur Verfügung haben, um unterschiedliche Kurse tatsächlich anbieten zu können. Gerade an kleineren oder personell angespannten Gymnasien wird das jedoch häufig nicht möglich sein. Schülerinnen und Schüler werden ihre Fächer daher nicht nach individueller Begabung wählen können, sondern danach, welche Kurse im jeweiligen Jahrgang überhaupt zustande kommen. Damit wird das Abitur zunehmend von Standort und Zufall abhängig und stellt keine Wahl- sondern eine Mehrheitsentscheidung dar.

Ein weiterer problematischer Punkt ist die Abschaffung der klassischen Facharbeit. Die Fähigkeit, sich schriftlich und wissenschaftlich mit einem Thema auseinanderzusetzen, ist ein zentraler Bestandteil der Studienvorbereitung. Recherche, Analyse, strukturiertes Schreiben und kritisches Denken gehören zu den wichtigsten Kompetenzen für Studium und Forschung. Statt diese Fähigkeiten zu stärken, wird die Facharbeit durch alternative Formate ersetzt, die diese Anforderungen nicht in gleicher Weise erfüllen. Gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz wäre es jedoch wichtiger denn je, Schülerinnen und Schüler gezielt im wissenschaftlichen Arbeiten zu schulen. Anstatt diese Kompetenz zu schwächen, hätte man die Bewertung stärker auf die mündliche Verteidigung der Arbeit konzentrieren können, um Täuschungsversuche zu erkennen und eigenständiges Arbeiten zu sichern.

Auch bei der angekündigten Entlastung durch weniger Klausuren zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Die tatsächliche Anzahl schriftlicher Leistungen hängt künftig stark von der individuellen Fächerkombination ab. Schülerinnen und Schüler können damit sehr unterschiedliche Belastungen haben, je nachdem, welche Prüfungsfächer sie wählen. Von einer einheitlichen und gerechten Regelung kann hier kaum die Rede sein. Besonders kritisch ist zudem, dass politische Bildung geschwächt wird. Das Fach Politik-Wirtschaft soll in der Oberstufe nicht mehr verpflichtend sein. Gerade in einer Zeit zunehmender Polarisierung, wachsender Desinformation und gesellschaftlicher Spannungen sendet das ein falsches Signal. Wer demokratisch mündige Bürgerinnen und Bürger stärken will, darf politische Bildung nicht zur beliebigen Wahloption machen. Demokratieverständnis entsteht nicht durch neue Projektformate, sondern durch fundierten Unterricht über politische Systeme, wirtschaftliche Zusammenhänge und gesellschaftliche Verantwortung.

Auch im Bereich der Fremdsprachen drohen erhebliche Einschnitte. Künftig soll nur noch eine Fremdsprache verpflichtend bis zum Abitur belegt werden. Damit geraten zahlreiche Sprachangebote wie Französisch oder Latein unter Druck, insbesondere an kleineren Gymnasien. Fremdsprachenunterricht vermittelt jedoch weit mehr als reine Sprachkenntnisse: Er eröffnet kulturelle Perspektiven, stärkt analytisches Denken und schafft Voraussetzungen für internationale Studien- und Berufswege. Gerade in einem global vernetzten Europa ist Mehrsprachigkeit ein entscheidender Bestandteil moderner Bildung.

Aus all diesen Gründen fordern wir als CDU-Fraktion, die geplante Reform der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe zu stoppen. Stattdessen braucht Niedersachsen ein Reformkonzept, das die Allgemeinbildung stärkt, politische Bildung sichert, Mehrsprachigkeit erhält und die Gymnasien organisatorisch nicht zusätzlich belastet. Unser Ziel bleibt ein allgemeinbildendes Abitur, das seinem Anspruch gerecht wird: eine solide Grundlage für Studium, Beruf und verantwortungsvolle Teilhabe an unserer demokratischen Gesellschaft.