Was bedeutet Allgemeinbildung?

Das Abitur ist der höchste allgemeinbildende Schulabschluss in Deutschland. Es steht nicht nur für Leistung, Ausdauer und Selbstständigkeit. Es steht vor allem für breite Allgemeinbildung. Wer das Abitur erwirbt, soll Sprachen, Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und kulturelle Bildung kennengelernt haben. Genau dieses Versprechen dürfen wir nicht Stück für Stück aufweichen.

Die von der Landesregierung geplante Reform der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe der Landesregierung geht aus unserer Sicht jedoch genau in diese Richtung. Fächer, die bisher verbindlich zur allgemeinen Hochschulreife gehören, sollen stärker in den Wahlbereich verschoben werden. Dazu zählen unter anderem die zweite Fremdsprache sowie Geschichte und Politik-Wirtschaft. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Was gehört für uns noch zwingend zur Allgemeinbildung und was erklären wir zur bloßen Wahloption? Für uns als CDU-Fraktion ist klar: Politische Bildung gehört nicht in den optionalen Bereich. Gerade in einer Zeit, in der Desinformation, Polarisierung und einfache Antworten auf komplexe Fragen immer mehr Raum gewinnen, müssen junge Menschen verstehen, wie unser politisches System funktioniert. Sie müssen wissen, wie Entscheidungen entstehen, welche politischen Ebenen Verantwortung tragen und welche Möglichkeiten der demokratischen Beteiligung bestehen. Wer diese Zusammenhänge nicht versteht, kann politische Behauptungen schwerer einordnen und sich auch schwieriger selbst einbringen.

Genauso kritisch sehen wir die geplante Schwächung der Fremdsprachen. Eine zweite Fremdsprache vermittelt weit mehr als Vokabeln und Grammatik. Sie eröffnet den Zugang zu anderen Kulturen, zu Literatur, zu internationalen Studiengängen und Arbeitsmöglichkeiten. Gerade in Europa gehört Mehrsprachigkeit für uns zur Allgemeinbildung. Dass eine Petition zum Erhalt der Sprachvielfalt mehr als 10.000 Unterschriften erhalten hat, zeigt, wie groß die Sorge vor einem schleichenden Verlust dieser Bildungsangebote ist.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die angekündigte größere Wahlfreiheit wird nicht überall Realität werden. Ohne zusätzliche Lehrkräftestunden können kleinere Schulen nicht beliebig viele Kurse anbieten. Am Ende entscheidet dann nicht die individuelle Wahl eines Schülers, sondern die Größe des Jahrgangs und die personelle Situation der jeweiligen Schule. Mehr Freiheit auf dem Papier kann so zu weniger tatsächlicher Auswahl führen. Auch grundsätzlich sollten wir Leistung nicht als Belastung behandeln, von der junge Menschen möglichst befreit werden müssen. Hochschulen und Arbeitgeber weisen schon heute darauf hin, dass grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten nicht überall ausreichend vorhanden sind.

Deshalb fordern wir die Landesregierung auf, die geplanten Änderungen an der Einführungsphase zu stoppen und das Reformkonzept grundlegend zu überarbeiten. Das Abitur darf nicht davon abhängen, welche Schule jemand besucht oder welche Kurse dort gerade zustande kommen. Es muss weiterhin ein verlässliches Bildungsversprechen sein. Schülerinnen und Schüler, Hochschulen und Arbeitgeber müssen sich darauf verlassen können, dass mit der allgemeinen Hochschulreife auch weiterhin ein breites Fundament an Wissen und Kompetenzen verbunden ist.